Lateinamerikanische Tänze ist ein feststehender Sammelbegriff für die fünf Turniertänze: Samba, Cha-Cha-Cha, Rumba, Paso Doble und Jive. Zusammen mit den Standardtänzen bilden die lateinamerikanischen Tänze einen Teil der Tänze des Welt-Tanzprogramms.

Charakteristisch für die Lateinamerikanischen Tänze ist die Kommunikation zwischen den Partnern. Alle lateinamerikanischen Tänze thematisieren die Paarbeziehung auf unterschiedliche Art und Weise. Weitere Charakteristika sind schnelle Drehungen sowie der häufige Wechsel zwischen treibenden und ruhigen Bewegungsphasen sowohl zeitlich als auch in verschiedenen Teilen des Körpers (Separation). Der Körper wird nicht als ganzes betrachtet. Anders als in den Standardtänzen, bei denen in erster Linie die Bewegung des Paares im Raum die tänzerische Botschaft vermittelt, steht hier die aufeinander abgestimmte Bewegung der einzelne Tänzer im Vordergrund. Die Tänzer haben nicht das Ziel in ihrer Bewegung als Paar „eins“ zu werden, sondern durch abwechselnde Aktionen für das Publikum sichtbar zu kommunizieren und dieses auch mit einzubeziehen.

Samba

Der Samba ist ein Gesellschafts- und Turniertanz im 2/4-Takt und wird mit einem Tempo von 50 – 52 Takten pro Minute getanzt.

Samba war ursprünglich ein Sammelname für viele Tanzformen, die im 19. Jahrhundert von afrikanischen Sklaven in ihre neue Heimat Brasilien eingeführt wurden. Der Samba in ihrer stationären Grundform stammt aus Brasilien bzw. aus Kreistänzen der Bantu. 1910 kam die Maxixe, ein dem Tango Argentino verwandter enger Paartanz, aus Brasilien nach Europa, konnte sich dort jedoch nicht durchsetzen. Unter dem Namen „Samba“ tauchte die Maxixe 1924 und 1925 in Turnierprogrammen wieder auf, wiederum ohne großen Durchbruch. Dieser gelang erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Samba zum festen Repertoire vieler Tanzkapellen gehörte. Während der Anfangszeit des Wirtschaftswunders 1948/49 erreichte der Samba in einer sehr vereinfachten Form große Popularität in der Schlagermusik.

In der Folge nahmen Tanzschulen den Samba mit Erfolg in ihr Programm auf, 1959 wurde er in das Turnierprogramm der lateinamerikanischen Tänze aufgenommen.

ChaChaCha

Der ChaChacHa ist ein Gesellschafts- und Turniertanz im 4/4-Takt und wird mit einem Tempo von 30 – 32 Takten pro Minute getanzt.

Die Geschichte des ChaChaCha wurde nur mündlich überliefert und wird leicht unterschiedlich wiedergegeben. Der Rhythmus des Cha-Cha-Chas wurde zwischen 1948 und 1951 von Enrique Jorrín erfunden, einem kubanischen Komponisten und Violinisten. Jorrín variierte in seinen Kompositionen seit 1948 beständig den kubanischen Tanzrhythmus Danzón: Unter anderem reduzierte er die für die kubanische Musik typische Synkopierung und fügte dem ursprünglich rein instrumentalen Musikstil rhythmische Gesangseinlagen hinzu.

1951 führte Jorrín den ChaChaCha-Rhythmus auf den kubanischen Tanzflächen ein. Der neue Rhythmus kam beim Publikum sehr gut an und inspirierte die Tänzer zu einem Tanzschritt, der den Grundschritt des Mambo um einen schnellen Wechselschritt ergänzt. Dieser schnelle Wechselschritt verursachte für Jorrín ein scharrendes Geräusch, das für ihn wie „cha cha chá“ klang, und das er als rhythmische Gesangseinlage in einige seiner Lieder einbaute. Dieses Geräusch und die daraus resultierende rhythmische Zählweise waren letztendlich namensgebend für den Tanz.

Der ChaChaCha verbreitete sich sehr schnell über die kubanische Grenze hinweg nach Mexiko und in die Vereinigten Staaten. In den Vereinigten Staaten avancierte der ChaChaCha über Nacht zum Modetanz des Jahres 1955, gestützt durch die legendären Mambo- und ChaChaCha-Orchester des Tanzsalons Palladium in New York City. Möglicherweise lag der große Erfolg des ChaChaCha im Entfernen der Synkopierung begründet, denn diese rhythmische Besonderheit erschwert westlichen Hörern das Tanzen und gilt als Mitursache für den schnellen Niedergang des Mambo.

Der Tanz erfuhr sehr früh technische Anpassungen an die Rumba. 1962 wurde er offiziell zu den Turniertänzen hinzugenommen und wies bereits damals die Grundform der heutigen Turniervariante auf. 1963 wurde der ChaChaCha als lateinamerikanischer Tanz in das Welt-Tanzprogramm aufgenommen.

Seit Jorríns Tagen hat sich die Musik, auf die ChaChaCha getanzt wird, ständig verändert. Spielte man ursprünglich in der Charanga-Besetzung des Danzóns mit Perkussion, Klavier, Bass, Flöte und Cuerdas, setzten sich bereits im Palladium fetzige Bläserbegleitungen durch. Zur nachhaltigen Beliebtheit des ChaChaCha trug auch bei, dass er problemlos mit der Metrik der westlichen Musik vereinbar ist.

Rumba

Der Rumba ist ein Gesellschafts- und Turniertanz im 4/4-Takt und wird mit einem Tempo von 25 – 27 Takten pro Minute getanzt.

Zu den bekanntesten Vorläufern der Rumba zählt, wie auch beim Tango, die Habanera. Sie wurde in Argentinien zur Milonga (einer Vorläuferin zum Tango), während sie in Kuba den Bolero beeinflusste. Als Modetanz kam der Rumba erstmals 1914 in New York auf. Rhythmisch vereinfacht, gelangte er Anfang der 1930er Jahre auch nach Europa. Die Nationalsozialisten verboten die Rumba als entartete Kunst, aber auch in anderen Ländern ließ das Interesse nach.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Rumba wieder entdeckt, allerdings in zwei vollkommen unterschiedlichen Variationen. Zum einen der amerikanisch beeinflusste Square- oder Carrée-Rumba, zum anderen der Rumba im kubanischen Stil. Dies führte in den Jahren 1956 bis 1958 und 1961 bis 1963 zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen England und Frankreich, den sogenannten „Rumbakriegen“, bei denen beide Schulen ihren Rumba international etablieren wollten. Man einigte sich schließlich darauf, beide Varianten zuzulassen. So wurden der langsame Rumba unter dem Namen Square-Rumba in das Welt-Tanzprogramm und die schwierigere Kubanische Rumba 1964 ins Turnier-Tanzprogramm aufgenommen. Im internationalen TanzSport hat sich mittlerweile der kubanische Stil durchgesetzt. Inzwischen wird der Square-Rumba in Europa kaum noch unterrichtet.

Die besondere künstlerische Charakteristik des Rumba liegt im Spiel zwischen Mann und Frau. In einem gut getanzten Rumba wird intensiv umeinander geworben. Im künstlerischen Kontrast dazu werden beide Partner ab und zu fahnenflüchtig und müssen vom anderen zur Rückkehr gelockt werden. Im Vordergrund steht die nonverbale Kommunikation zwischen Mann und Frau. Im Idealfall fühlt sich das Publikum dazu eingeladen, an dieser Kommunikation teilzuhaben, und nimmt am spannenden Flirt zwischen den Tänzern Anteil.

Die Herabsetzung der Rumbageschwindigkeit in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass die Tänzer Details der Musik in ihren Tanz einbeziehen können. Die Musik gibt diese Details in Form komplexer Rhythmen vor, die von zahlreichen Perkussions-Instrumenten erzeugt werden. Die zwischen den Beats liegenden Percussions werden vor allem für schön ausgetanzte Körperbewegungen genutzt. Hervorzuheben sind hierbei die für den Rumba so charakteristischen Hüftbewegungen sowie Verdrehungen des Körpers. Beides unterstützt künstlerisch den werbenden, erotischen Charakter des Rumba.

Parallel zum herabgesetzten Tempo haben sich allerdings einige Elemente, zum Beispiel Drehungen, deutlich beschleunigt, um zwischen diesen Momenten blitzschneller Körperbewegung die Ruhe des Flirts zeigen zu können.

Paso Doble

Der Paso Doble ist ein Gesellschafts- und Turniertanz im 2/4-Takt (ursprünglich auch 3/4- und 3/8-Takt) und wird mit einem Tempo von 60 – 62 Takten pro Minute getanzt.

Der Paso Doble (Doppelschritt) ist ein einfacher spanischer/südfranzösischer Paartanz mit einem einfachen Schrittmaterial auf Marschmusik. In stilisierter Form verbreitete sich dieser, auch in Lateinamerika anzutreffende Volkstanz, nach 1910 in anderen europäischen Ländern. Die Musik ist aus Elementen des Fandango und des Flamenco angereichert. Der Flamenco-Stil bildete sich im 19. Jahrhundert heraus. Aufgrund seiner Ausdruckskraft, die mit der des amerikanischen Blues zu vergleichen ist, wird er auch als weißer Blues bezeichnet. Der Tanz wurde in Paris in den zwanziger Jahren choreografiert, daher die französischen Figurennamen. Heute ist der Paso Doble in Mitteleuropa in den Hintergrund gedrängt worden. Er ist zwar seit 1945 Turniertanz, ist jedoch in der Öffentlichkeit eher dürftig vertreten. Es gibt auch nur wenige Musikgruppen, die ihn im Repertoire haben.

Der Paso Doble ist eine Ausnahme unter den Lateinamerikanischen Tänzen. Dies zeigt sich in Haltung, Schritten und der durchgängigen Phrasierung der Figuren. Schrittvorbereitende Hüftbewegung wie bei Rumba und ChaChaCha entfallen, raumgreifende Schritte werden mit der Ferse angesetzt. Die Haltung des Herrn stellt den Matador mit seiner Capa dar: Bogen des Rückens, feste Spannung in den gerundeten Armen. Ein Körperkontakt zur Dame findet selten statt.

Die Phrasierung der Musik des Paso Doble ist durch die Choreographie widerzuspiegeln. An zwei Stellen der Musik, den Höhepunkten, wird eine statische Pose eingenommen.

Jive

Der Jive ist ein Gesellschafts- und Turniertanz im 4/4-Takt und wird mit einem Tempo von 42 – 44 Takten pro Minute getanzt.

Jive ist eine Bezeichnung für einen Tanz, der vielfältige verwandte Vorläufer afroamerikanischen Ursprungs hat. Dazu gehören zu Beginn der 1930er Jahre Lindy Hop, Blues, Swing, in den 1940ern der Boogie-Woogie, gefolgt in den 1950ern vom Rock ’n’ Roll. Charakteristisch für all diese Tanzformen war und ist heute noch die stimulierende Musik. Amerikanische Soldaten brachten die in den USA beheimateten Tänze um 1940 nach Europa, wo sie bei der Jugend schnell sehr beliebt wurden. Der Boogie wurde nach dem Krieg zur dominierenden Musik. Als „ordinärer“ Tanz fand er aber nicht nur Freunde. Tanzpapst Alex Moore bemerkte, dass er nie zuvor etwas „Grässlicheres“ gesehen habe. Englische Tanzlehrer entwickelten mit etwas langsamerer Musik den eleganten und doch lebendigen Jive. 1968 wurde er als fünfter Turniertanz zu den lateinamerikanischen Tänzen aufgenommen, seit 1976 gehört der Jive zum Welt-Tanzprogramm.

Der Jive bringt robuste Lebensfreude zum Ausdruck. Charakteristisch sind offene Figuren, Kicks und Twist. Hauptmerkmal ist das leichte, lockere Durchschwingen der Hüfte.